
Also, Freunde, hört mal zu, wenn etwas ein normaler Tag ist, dann kann es gut sein, dass ich bis Mitternacht vor dem Leuchtschirm sitze und so meine Sachen schreibe. Und dann, dann zwinge ich meine Espressomaschine zu einer letzten Heldentat, schnappe mir das Buch, das ich
gerade lese und setze mich in die süsse kleine Lounge, die - ist kaum zwei Monate her - ein Schulfreund meinerseits praktischerweise gleich gegenüber aufgemacht hat.
Dort sitze ich dann und lese und seh den Mädels zu, wie sie bei indirekter Beleuchtung die Dinge tun, die Mädels eben so tun, wenn es Abend ist und sie kurz vor Börsenschluss nochmal alles auf eine Karte setzen.
Heute, passt auf, da komme ich nicht zum Lesen. Weil nämlich: Fast leer, und zwei Paare an der Bar, und ich setz mich hin, und die Typen quatschen miteinander, und die Mädels fangen an, mir quer durch den Raum ihre Lieblingssongs zuzurufen, weil sie mich irrtümlicherweise für den DJ halten.
Dann tipselt die Eine mal probeweise rüber zu mir. Russin. Jung. Und ihr müsst wissen, ich kann sie gut leiden, die Russen und dieses Dings, das sie mit der Seele haben, und ihre Schriftsteller und all das. Und diese Russin? Hübsch ist sie, Himmel, und traurige Augen hat sie, und einen Mund aus Marzipan. Und ihre Brüste, lasst mich gar nicht erst von ihren Brüsten reden, die haben mich glatt verstrahlt, da konnten auch die Textilien nichts daran ändern.
Das Gespräch findet auf Englisch mit Euro-Akzent statt.
Sie: Wer bist du denn?
Ich: Mann. Das ist eine komplexe Frage.
Sie: Nee, uff: Dein Name!
Ich: (mein Name)
Sie: Oh, mein Gott, das ist ein
russischer Name!
Das ist eigentlich nur bedingt korrekt, aber weil ich ihr in Gedanken schon längst das Höschen über die Wolga-Knie schiebe, nicke ich nur und grinse, als hätte ich mir den Namen eigenhändig gegeben.
Sie: Ich komme aus (gedehnt) Moskau…
Ich: Ich habe in Moskau studiert. Theater.
Sie (reisst die Augen auf): In
Moskau! (flüstert) Ich hole meinen Drink!
Sie geht, kehrt aber nochmal um.
Sie (verschwörerisch):
Er darf nicht eifersüchtig werden, Achtung!
Ich sehe mir
ihn an. Mann Mitte fünfzig, mit blauem Pullover über der Schulter, wie ein Serien-Arzt.
Sie: Er ist Chirurg (Bingo). Berühmt. Er heisst (Brabbelbrabbel)! - Wie heisst Du?
Hm.
Ich wiederhole meinen Namen, und wir spielen die ganze Sache mit der russischen Begeisterung ein zweites Mal durch. Dann geht sie ihren Drink holen und tappelt ein paar Anstandsminuten um ihren Mann herum.
***
Licht an: Kurze Pause. Erdnüsse! Schokolade! Zigaretten! Licht wieder aus.
***
Sie kommt zurück.
Sie: Du warst in Moskau. Warum?
Ich erkläre es noch Mal. Wir sprechen über Dostojewskji (leidenschaftlich, zerrissen, anders als Chechov), dann sagt sie:
Sie: Ich bin so
einsam hier. -
Er ist ein Star. Aber ich? Ein Haustier.
Ich: Tut mir leid, das zu hören.
Sie (flüstert): Gib mir deine Karte.
Ich: Ich habe keine Karte.
Sie zieht eine Schnute und sieht mich böse an. Trotzdem legt sie ihre Hand auf mein Bein.
Sie (lasziv): Wo
finde ich dich?
Ich: Hier. Oft. Spät.
Reflexartig schiele ich zu ihrem Mann rüber. Habe ich mich gerade mit seiner Frau zu ausserehelichem Sex verabredet?
Als würde er es spüren, schlendert Pullover-Mann jetzt zu uns herüber. Sein Gesicht ist aufgeschwemmt, und er wirkt wie jemand, der nicht lange wünscht, sondern gleich kauft. Fräulein Moskau legt sofort eine andere Platte auf und hängt sich an ihn, als hätte sie keine eigenen Beine, auf denen sie stehen könnte.
Sie (euphorisch): Das ist mein
Mann. Ich liebe ihn! Oh, wie ich ihn
liebe, usw.!
Der Pullover-Mann und ich sehen uns ihre Vorstellung artig bis zu Ende an.
Ich (vorsichtig): Hallo.
Er (misstrauisch): Hallo. (zu ihr) Komm, wir gehen.
Sie: Das ist… (zu mir)
Wie heisst du?
Namen sind wie Kaugummis: Wenn man zu lange auf ihnen herumkaut, verlieren sie den Geschmack. Ich werde nervös. Denn ich frage Euch: Was nützt mir die ganze Verschwörung, wenn sie zu betrunken ist, um sich morgen daran zu
erinnern?
Also nochmal: russischer Name, Begeisterung, ect.
Er: Schön. Komm, wir gehen.
Er schlendert zurück zu dem zweiten Paar, das ihn so stürmisch empfängt, als wäre er jahrelang in der sibirischen Tundra verschollen gewesen und gerade erst zurückgekehrt.
Ich: Liebst du ihn?
Sie (verzieht das Gesicht): Njäh! - Aber weisst du: Manchmal muss man sich entscheiden. Zwischen Liebe… und Karriere.
Ich sehe sie an. Die junge Russin, die den alten Sack mit der fetten Kohle geheiratet hat.
Ich: Ich gehe jetzt.
Sie: Du lässt mich einfach hier stehen?
Ich: Heute, ja.
Sie: Aber das nächste Mal nicht?
Ich: Nein. Das nächste Mal nicht.
Ich gehe.
Wetten werden angenommen.
FADE IN:
EXT. STRASSE - TAGDer Junge und das Mädchen sitzen auf der Mauer und bieten - immer noch - einen seltsamen Anblick: Der Junge hat eine schwarze Wollmütze über den Kopf gezogen, in die er zwei Löcher geschnitten hat. Er sieht aus wie ein Miniatur-Terrorist. Das Mädchen trägt nach wie vor den Hut bis zum Kinn. Auch sie hat zwei Löcher hineingeschnitten.
Das Mädchen stubst den Jungen an.
MÄDCHEN: (zischt) Da kommt wieder einer.
Der Junge folgt ihrem Blick.
JUNGE: Aber das ist ein Hund!
MÄDCHEN: Du musst die Augen zusammenkneifen!
Beide kneifen die Augen zusammen. Sie folgen mit dem Blick etwas, was offensichtlich unter der Mauer hindurchgeht. Es klingt nicht wie ein Hund: Wir hören schleimige, schmatzende und unheimliche GERÄUSCHE, als würde sich etwas Grosses, unsäglich Widerliches vorbeiwälzen. Gleichzeitig schiebt sich ein dunkler Schatten vor die Sonne.
Die Kinder erschaudern und warten, bis das Ding vorbei ist.
MÄDCHEN: Hast du gesehen?
JUNGE: (flüstert) Ja.
MÄDCHEN: Sie sind überall.
JUNGE: (den Tränen nahe) Aber was machen wir denn jetzt?
MÄDCHEN: Nichts. Hüte tragen. - Mich kriegen die nicht.
Eine unnatürliche Stille legt sich über die Kinder. Plötzlich…
…rollt der Junge seine Mütze bis über die Augen hoch und sieht das Mädchen an. Er beginnt zu grinsen; irgendwie irr, irgendwie unheimlich. Er grinst so lange, bis das Mädchen…
…seinen Blick spürt und ihn irritiert ansieht. Sie erschauert.
Stille.
Plötzlich spricht der Junge mit einer tiefen, kehligen, FLÜSTERNDEN STIMME.
JUNGE: Du denkst, du bist schlau, was?
Das Mädchen starrt den offensichtlich besessenen Jungen an.
JUNGE: Seit wann weisst du von uns?
Das Mädchen, starr vor Angst, rückt so gut es geht vom Jungen weg.
JUNGE: Jetzt hast du Angst, was?
MÄDCHEN: Ich hab keine Angst.
JUNGE: Hast du doch.
Das Mädchen antwortet nicht. Der Junge grinst sie an. Eine lange Spur aus grünem Schleim rinnt aus seiner Nase.
MÄDCHEN: (flüstert) Wie bist du in ihn rein gekommen?
JUNGE: (tippt auf die Mütze) Kunstfasern. Kein Problem für uns.
Das Mädchen zieht sich den Hut noch fester auf den Kopf.
MÄDCHEN: Mich kriegt ihr nicht.
JUNGE: Das denkst du.
MÄDCHEN: Ich hab den Hut.
JUNGE: Irgendwann musst du ihn ausziehen. - Beim Duschen. Beim Schlafen.
MÄDCHEN: Nie! Nie zieh ich ihn aus!
Sie schweigen. Der Junge grinst das Mädchen immer noch irr und unverwandt an, ohne auch nur zu blinzeln. In seinen Augen funkelt das Böse.
MÄDCHEN: Ich überleg mir was. Und dann mach ich euch fertig.
JUNGE: Wir werden ja sehen.
MÄDCHEN: Ja, das werden wir.
JUNGE: Stimmt. Werden wir.
Er LACHT. Röchelnd, heiser, böse. Dann…
…verschwindet sehr, sehr langsam das Grinsen aus seinem Gesicht. Das Böse zieht sich in das Innere des Jungen zurück. Er sieht sich um, als wüsste er nicht, was gerade passiert ist, und wischt sich den Schleim von der Nase.
JUNGE: (mit normaler Stimme) Willst du jetzt mein Meerschweinchen sehen?
Das Mädchen sieht ihn starr an. Sie antwortet nicht. Beide sitzen da wie gehabt.
Der Junge zuckt mit den Schultern und beginnt, selbstvergessen vor sich HINZUSUMMEN und mit den Beinen zu baumeln.
Ende der letzten Episode.
© 2006