26 Dezember 2006

Wider den Schöngeist

Was nun diese Premiere betrifft.

Stellt euch vor, ein Schriftsteller. Er ist tot, aber gerade schon lange genug, um sein Ableben mit Jubiläen zu begehen. Und weil die meisten der Texte, um die es hier geht, zum ersten Mal auf der Bühne zu sehen sind, wedeln alle schon ganz aufgeregt mit dem Schwanz, inklusive Feuilleton und Öffentlichkeit.

Und dann ist da dieser Regisseur. Stellt euch was Freundliches, Intelligentes, Sechzigjähriges vor. Die weissen, langen Haare gepflegt in den Nacken gelegt. Zwei Seidentücher: Eines um den Nacken, das zweite wie zufällig über die Schultern geworfen.

Kultiviert. Lässig. Grosszügig. So müsst ihr euch das vorstellen. Nur leider ist er ein Schöngeist. Das ist bedauerlich. Bedauerlich und brandgefährlich.

Denn ein Schöngeist tut zwar niemandem weh, aber er macht sich die Hände auch sonst nicht schmutzig: Er meidet die klare Haltung, den Konflikt und den Gestank der Gosse; also all das, was ein Drama zu einem guten Drama macht. Ein Schöngeist veredelt seine Zeit damit, sich zu verneigen: Vor der Schönheit, vor den "wunderbaren" Schauspielern, vor dem "wunderbaren" Text des "wunderbaren" toten Schriftstellers.

Wir, im Schützengraben, nennen diese Arbeitshaltung normalerweise: Schwurbel. Oder, etwas präziser: Selbstmord. Im Gegenzug nennt er uns "ihr Lieben", "ihr Guten" oder ganz einfach "Kinder".

Und wenn ich Euch jetzt noch sage, dass der Mann eigentlich Filmregisseur ist und wenig Theatererfahrung hat, dann mag euch langsam dämmern, wie tief die Projektile in den letzten Wochen um unsere wunderbaren Ohren flogen.

Insgesamt ein äusserst merkwürdiges Erlebnis. Die Kritiken sind übrigens überwiegend positiv. Von "schönen Bildern" ist die Rede, von "Trouvaillen" und vom "behutsamen Umgang mit dem Text".

Schwurbel ist offensichtlich ansteckend.

Kommentare:

Stitch hat gesagt…

für schwurbel, insbesondere in seiner ausprägung als geschwurbel, wurde das feuilleton doch erfunden...

samira hat gesagt…

Na na Melville. Du lästerst doch nicht ernsthaft über deinen Regisseur? Nur weil der Typ ein Softie mit ausgeprägten Hang zur Ästhetik ist und euch nicht wie Dreck behandelt, muss er doch kein schlechter Metteur en scène sein? Authentizität muss doch nicht immer nach Fisch stinken!
Bitte verzeih, sollte ich deinen Text missverstanden haben - aber mangelnde Integrität, gerade in der Kunst!, kann ich gar nicht ab.
Guten Rutsch!! :) samira

Melville hat gesagt…

guter punkt, samira.

ich frage mich gerade, was du unter integrität verstehst. ich nenn hier ja weder namen noch prügel ich blind auf einem kerl rum, der sich nicht wehren kann.

ich beschreibe ein professionelles problem. in meinen augen auch (nein: vor allem) ein menschliches. eine haltung, die sehr viel schaden anrichtet, weil sie goldene, aber tote ideale über lebendige zusammenhänge stellt.

jetzt wäre meine frage: was schlägst du vor? augen und ohren zuhalten und solche gedanken nicht aufkommen lassen? wohl kaum.

das heisst, du schlägst vor, diese gedanken nicht zu äussern? Oder aber so zu abstrahieren, dass sie nicht mehr mit einem konkreten beispiel verküpft sind?

ersteres kann ich mir nicht vorstellen.

bleibt also zweitens: du findest, ich sollte abstrakter sprechen. abgelöst vom konkreten beispiel.

das widerspricht aber erstens dem prinzip meines blogs: praktisch alles, was da drin steht, bezieht sich auf konkrete beispiele. schlag's ruhig nach.:)

und zweitens, würde ich es trotzdem tun, dann wäre ich auch einfach nur einer von denen, die versuchen, vom leben zu sprechen, ohne sich die hände schmutzig zu machen. klappe zu, affe tot. und wofür? witzigerweise für, ja, die schöngeistige überhöhung eines ideals: KUNST.

das hiesse aber, der kunst das gleiche anzutun, was ein mann einer frau antut, wenn er sie auf einen sockel stellt: er macht sie zur göttin und entzieht ihr so jede möglichkeit, das zu sein, was sie ist: ein frau.

der mann hat von mir das beste bekommen, was ich habe, genau so, wie er es wollte. das verstehe ich unter loyalität.

der rest ist alexis sorbas: "in work, I am your man. but in things like playing and singing, I am my own. I mean: free."

auch guten rutsch:)

kecksdose hat gesagt…

najnanunnawiedenn?
Hilfe! Er ist ein Schöngeist!
Hilfe! Er ist ein Exkrementer!
Hilfe! Er ist nix!
Letzteres ist wohl wirklich hoffnungslos, fast.
Jede andere Variante ist eine Variante der Arbeitsbedingungen.
Wenn ich mir was wünschen dürfte...

Melville hat gesagt…

hups, keksdose… :-D

samira hat gesagt…

Hilfe, worauf hab ich meine eingelassen? Mit jemanden der viel besser schreiben, verbalisieren und argumentieren kann als ich über Kunst und ihre Arbeitsbedingungen diskutieren.
(Warum halt ich es einfach nicht wie Nuhr: wenn man keine Ahnung hat, einfach mal....)

Nein, natürlich will ich nicht dass du aufhörst kritisch zu denken, zu sprechen und zu schreiben. Wegen dieser Gedanken lese ich ja deinen Blog so gerne. Und nein, natürlich will ich auch kein theoretisches Meta-Gerede auf abstrakt ideeller Ebene. Auch wegen der Lebensnähe, den Müllwägen und asiatischen Nutten lese ich doch deinen Blog sehr gerne.


Ich möchte mich außerdem entschuldigen: ich habe im letzten Absatz von Integrität in der Kunst gesprochen und mich damit selbst in eine thematische Ecke manövriert in die ich gar nicht wollte. Ich hätte aber eigentlich statt „Kunst“ schreiben wollen/sollen „im künstlerischen Bereich“, „in der Kreativität“, „in Situationen in denen viele kreative Menschen zusammenkommen um etwas artistisches zu schaffen“.
Die Integrität die ich hier meine ist sowohl die gegenüber der Gruppe, dem Leader, dem Ziel als auch sich selbst.

Schau, ich habe die Situation folgendermaßen verstanden: da ist dieses Stück deren Inszenierung dir nicht gefällt. Du hältst den Regisseur für nicht kompetent und teilst seine künstlerische Auffassung in keinster Weise. Aber du machst mit und gibst dein Bestes.

Hier könnte man jetzt anfangen zu meckern, wäre man jemand der nur in Extremen lebt.
„Wie kannst du da mitmachen? Wie kannst du dich für etwas hergeben, für das du nicht einstehen kannst?“
Ich gehöre nicht zu den Radikalen – ich habe mich ein Weilchen in einer Pr-Agentur rumgetrieben deren Werte ich nicht hundertprozentig nachvollziehen konnte - dennoch sollte die Frage (schon allein um meine unstillbare Neugier zu befriedigen) erlaubt sein: warum dann noch da mitmachen?

Es finde es ungeheuer professionell wenn du sagst, du gibst deine bestes trotz der korksigen Inszenierung. Das bewundere ich sehr, da ich das nicht kann. (ich klink mich dann innerlich irgendwie aus...Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre, hätte ich für mich nicht hinter der künstlerischen Leitung unseren kleinen Schülerrockband stehen können.
Ich versuche mir vorzustellen wie wohl meine Beiträge geworden wären, hätte ich nicht für die Senderlinie einstehen zu können. Vermutlich nicht so doll. ;))

Worüber ich eigentlich meckere – und es ist eigentlich sehr dreist und frech meinerseits, da es mich eigentlich nichts angeht und eigentlich ins persönliche geht und dem zwischenmenschlichen Umgang zu zu ordnen ist und das jedem sein Bier ist und man unbefangen Menschen kritisieren dürfen sollte und sowieso und überhaupt – ist, dass du im Nachhinein, trotz geglückter! Inszenierung und guter! Kritiken schlecht über den Typen redest der schlussendlich abgeschossen wird wenn das ganze nichts geworden wäre. Und das nicht weil er ein Idiot ist, sondern weil er eine andere Kunstauffassung hat als du.

Kein Ahnung, vielleicht mutiere ich hier gerade deshalb zu Jeanne d'Arc da ich mit dem Regisseur mit dem ich grade rumkrakel wunderbare Erfahrungen in Puncto Teamwork mache.
Ausserdem: wie gesagt, eigentlich bin ich zu frech und auch zu persönlich, als das du mich wirklich ernstnehmen solltest. :D

Naja, soviel zu Arbeitsweisen, zwischenmenschlichem Verhalten auf professioneller Ebene und diesen Sachen eben, wo ich als kleine Idealistin und naiver Göre nichtmal nen Funken Erfahrung geschweige den Ahnung habe. ;D

Der zweite thematische Aspekt, der ja den ersten überschnitt und auslöste war die Ansichtsweise von Kunst – nein, von guter Kunst.

Ist es der goldene Schnitt, platonische Ideale, Leonardos Suche nach Perfektion? Diese Mangamädchen die es in Realität gar nicht gibt? Die Suppendose eingerahmt und bestrahlt auf einem Podest? Sind es hässliche Leprakranke mit Falten, Clochards und les Misérables? Streben nach Erschaffung von etwas das besser ist als die Realität? Butter in der Badewanne, Fleischstücke auf einem Stuhl? Ist es Kunst wenn Jean Paul Gaultier eine fette Alte in seinen Klamotten über den Laufsteg scheucht? Eine Jahre währende Suche nach einem Blau um den Himmel zu einer bestimmten Tageszeit originalgetreu wieder geben zu können? Das in Perfektion durchkomponierte letzte Abendmahl? 9.11.?

Ich habe überhaupt keine Ahnung. Muss man die haben? Eigentlich nicht. Ist ja eine Frage des Geschmacks. Oder?

Nur soviel: jedes mal wenn mein Freund mich vergöttert, bin ich mehr Frau denn je. ;D



Entschuldige bitte das ganze Geschwurbel. Du hast recht: es ist ansteckend! :)
Liebe Grüße, Sam

Anonym hat gesagt…

hope u had a good friend.

schöndreist hat gesagt…

der dreck unter meinen fingernägeln, geht mir ganz schön auf den geist.

übrigens namen und prügel sind offensichtlich.

Anonym hat gesagt…

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