11 September 2006

Faszination und Erleichterung: Nine Eleven

9. 11. 2001

Zürich, Theater, Probebühne 1

Stand der Dinge: Francis Fukuyamas Ende der Geschichte beherrscht die Bestsellerlisten und beschreibt das globale Lebensgefühl des Stillstands. Kaum im neuen Jahrtausend, ist es bereits unerträglich stickig geworden.

Plötzlich steht eine Frau mit tellergrossen Augen in der Tür und stottert.

Dann werde auch ich - wie der Rest der Welt - Zeuge des digitalen Loops: Flugzeuge, Feuer, Türme, fallende Menschen. Und nocheinmal. Für alle, die es immer noch nicht fassen wollen.

Aber, in mir - neben den handelsüblichen Gefühlen - auch noch das: Faszination. Für die unwiderstehliche Macht eines Vorgangs, der mit einem Mal, innerhalb weniger Minuten, alles für immer ändert.

Und ja, Erleichterung. Jene seltsame Art der Erleichterung, die mit dem Untergang des Grossen und Unzerstörbaren immer einhergeht und die zu leugnen reine Heuchelei wäre.

Endlich hat jemand das Fenster aufgemacht, denke ich.

Von Francis Fukuyama spricht heute niemand mehr.

Kommentare:

man in metropolis hat gesagt…

Ja, wir haben alle erlebt wie die Geschichte in Stein gemeiselt wurde.

Die Muräne hat gesagt…

"Jene seltsame Art der Erleichterung, die mit dem Untergang des Grossen und Unzerstörbaren immer einhergeht und die zu leugnen reine Heuchelei wäre"

Für solche Sätze liebe ich Ihren Blog.

Melville hat gesagt…

*knicks*

pringle hat gesagt…

so richtig schön schreckliche katastrophen sind doch immer wieder ein hingucker. wie sehr die faszination anhält, konnte man an der allgemeinen betroffenheit an diesem tag 5 jahre danach sehen.

Rohrkrieg hat gesagt…

Und wenn ich der Moralist bin, der sich dort kratzt wo es andere juckt:
Diese Faszination ist pervers

Melville hat gesagt…

rohrkrieg, das müsstest du schon ein bisschen genauer erklären. das wort 'pervers' wird zu oft und zu ungenau für alles verwendet, was in irgendeiner form gesellschaftlich tabuisiert wird. und das, das kann ja nicht unser kriterium sein, oder?

Rohrkrieg hat gesagt…

hey als Moralist mag ich nunmal Tabus, auch die ungenauen...

Ich meine die Bilder haben ein optisches Überwältigungspotential, aber es bleibt Massenmord, da sollten andere Gefühle vorherrschen.
Aber mir geht es genauso, ich habe halt Gewissensbisse dabei.

Rohrkrieg hat gesagt…

ich bin übrigens eigentlich kein Moralist...

Melville hat gesagt…

rohrkrieg, danke für deine genauere ausführung. und dass du überhaupt auf diesen punkt eingegangen bist, ich hatte ja damit gerechnet, dass das viel früher passiert.

wir (menschen unseres kulturkreises und wertesystems) wurden tatsächlich darauf trainiert und tun dies inzwischen meist automatisch: unser inneres zu zensieren, nämlich. irgendwie fühlen wir uns dazu verpflichtet, weil wir uns vorgaukeln, dass wir dadurch besser, anständiger oder zumindest sozial akzeptabler würden. im vorliegenden fall fällt es uns schwer, derartig gegensätzliche gefühle nebeneinander stehen zu lassen, ohne das eine dem anderen vorzuziehen: dass wir nämlich in einem moment, in dem viele tausend menschen grausam sterben, neben unserem tiefen mitgefühl und schrecken auch noch etwas genz anderes empfinden: faszination und erleichterung. diese wahrheit über uns ist oft so unerträglich, dass wir unser innerstes entweder völlig leugnen oder uns zumindest durch schuldgefühle und schuldsprüche ("pervers") loskaufen müssen.

wir werden durch schuldgefühle nicht besser. wir werden einfach zu besseren heuchlern: weil wir uns über das, was in uns ist, stellen, als wäre es ein ungebetener gast, der in unserem garten nichts zu suchen hat. moral hat nichts mit mitgefühl oder spiritualität zu tun oder damit, dass man irgendwie reiner wird. es hat etwas mit kontrolle und macht zu tun. wir verstümmeln uns selbst aus angst, das monster zu sehen, dass da aus dem see auftauchen könnte. oder noch schlimmer: dass andere es sehen könnten.

wenn ich etwas moralisch bewerte, kann ich es nicht mehr verstehen. ich kann es nur noch richten, verurteilen und in eine zelle stecken. das interessante an diesem vorgang ist, dass wir ihn völlig verinnerlicht haben und wir so zu unseren eigenen geiseln geworden sind. (eigentlich schon wieder stoff für eine komödie:)

viele tun das, ohne weiter darüber nachzudenken. leute wie du und ich haben einen anderen job. es ist nicht unsere aufgabe, zu definieren, was moralisch opportun und einwandfrei verdaulich ist. es ist unsere aufgabe, hinzusehen und hinzufühlen. und davon dann zu sprechen.

also, thanks for calling, rohkrieg. das mir eigentlich ungeliebte "wir" hab ich aus dieser kurzen form jetzt nicht rausgebracht. escusez:)

buchempfehlung: arno gruen, "der verrat am selbst"

Rohrkrieg hat gesagt…

totale Moral = alles ist verboten, stimmt. Aber es muss ja nun auch nicht das krasse Gegenteil sein. Man muss sich schon manchmal am emotionalen Schlawittchen packen, das heißt nicht heucheln, aber dennoch Vernunft und Verstand walten lassen, eben durchaus bewerten oder gar verurteilen. Denn das Monster ist ja in jedem, und man muss es nur im Griff haben, statt zu leugnen.
Ich denke: Nicht die reine Ratio, aber auch nicht so weit Sturm und Drang, dass man vollkommen gefühlsgeleitet handelt, es könnte ja einmal Hass statt Faszination sein.

Melville hat gesagt…

interessant, rohrkrieg: die vorstellung, dass wir, wenn wir uns ungefiltert zulassen und wahrnehmen, zu führerlosen, alles vernichtenden splitterbomben werden, die brandschatzend und vergewaltigend durchs land ziehen, ist teil einer bereits sehr traditionsreichen unterdrückungs-propaganda, die sich mit allen mitteln gegen unsere originalität und autonomie wendet.

Wer geht denn los und jagt wolkenkratzer (oder irakische wohnhäuser) in die luft? genau die, die lange genug an so einen mist geglaubt haben. die, anstatt ihren eigenen schmerz zu kennen, den schmerz über andere bringen.

schon die verfasser der bibel denunzierten die selbsterkenntnis als sündenfall. ich sage: FUCK THEM ALL. denn gottverdammt, wir sind frei, nur wozu? damit wir kleinlich und penetrant wie griesgrämige bonsaizüchter über unser innenleben regieren und somit uns und die menschen, die wir lieben, zu sklaven unserer angst machen.

denn wer nicht die chuzpe hat, sich die faszination über zusammenkrachende türme einzugestehen, der hat längst nicht mehr die fähigkeit zum mitgefühl. wer das eine in sich tötet, der tötet auch das andere. das, was einem bleibt, sin politisch korrekte bestürtzheiten und krokodilstränen geheuchelter fassungslosigkeit.

dieser prozess des selbstverrats ist das wahre drama unserer zivilisation. ein weitaus grösseres und umfassenderes drama als die toten im wtc. wir nehmen es nur nicht so wahr, weil es schleichend und versteckt geschieht, ein beispielloser selbstmord auf raten, den wir längst nicht mehr registrieren, weil wir uns vorlügen, diese art der selbstverstümmelung würde uns zu guten und besseren menschen machen.

ich mache da nicht mit. ich glaube an etwas ganz anderes.

wir sehen uns am ende des wegs :-)

Melville hat gesagt…

ps: huh. I got carried away.

Rohrkrieg hat gesagt…

Ja, ich denke "führerlose, alles vernichtenden splitterbomben, die brandschatzend und vergewaltigend durchs land ziehen", das ist das Extrem zu dem wir werden KÖNNEN.
Wir leben hier zwar in einer Wohlstandsgesellschaft, in der wir nicht in der wir normal nicht Gefahr laufen dazu zu werden (Vergewaltiger, Triebtäter etc gibt es aber eben durchaus), und Ich traue ihnen ja auch den Intellekt zu ihre Freiheit zu meistern, aber der Großteil der Bevölkerung ist dazu nicht im Stande.
Ich selbst bin wie erwähnt kein Moralist, ich glaube nicht an Gott, und ich bin auch nicht politisch korrekt, doch so schwer es auch für mich zu verstehen ist, es gibt Leute die sind bsw so auf ihre Religion fixiert, dass sie alles, mal ganz banal, "Gute" was sie tun, aus ihrem Glauben nehmen. Genauso brauchen viele ein Wertekonstrukt, und auch gewisse Moralvorstellungen. Wenn es das nicht gibt, dann KANN der Mensch zum Tier werden. Und dafür gibt es nun wirklich genug historische Beispiele.
Man darf sich nicht einfach nur von Empfindungen und Gefühlen leiten lassen, nicht nur weil sie akkut sein und einen zu Taten treiben können, die man nachher bereut, sondern alleine schon weil man dadurch emfänglich für jegliche Art Ideologie wird. Wenn man als zeitzeuge einen Adolf Hitler hat sprechen hören mag man auch fasziniert gewesen sein. Die letzte Instanz bleibt der Verstand.

Aber nochmal auf mich und meine Äußerungen bezogen:
Ich regiere mein Innenleben nicht, aber ich versuche es auch nicht wuchern zu lassen. Ich sehe Vernunft nicht in rein repressiver Natur, sondern auch in mäßigender, kritischer und abwägender. Das hat nichts mit Selbstverrat zu tun.
Und ich gebe ja auch zu, dass ich Faszination spüre bei den Bildern von 9/11, aber ich empfinde das eben auch als pervers, und bei aller Ehrlichkeit, das ist es ja pragmatisch betrachtet auch.

Im Übrigen ist das was ich hier vertrete auch nur meine theoretische Position. Als Mensch beherzige ich das lange nicht alles, ich bin manchmal cholerisch, entscheide oft aus dem Bauch heraus und nach Intuition, ich mag schwarzen Humor, auch richtig schwarzen, ich bin spontan und hab früher viel Scheiß gebaut, und bin manchmal widersprüchlich. In sofern denke ich sehen wir uns nicht erst am Ende des Weges; ich glaube ich sehe sie von meinem aus schon :)

Rohrkrieg hat gesagt…

PS: me too. perfect topic therefore

Melville hat gesagt…

ja, gell. ist mein thema überhaupt.

ich komme trotzdem nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass die grossen organisierten verbrechen immer unter der schrimherrschaft einer ausgeprägten moral geschehen sind. auch hitler war ein moralist. bin laden ist einer. der papst ist einer.