08 Februar 2007

Knutschen vs. Küssen: Platons vergessener Dialog

Folgender Text von Platon wurde 1832 von einem Weinbauern in einer antiken Urne auf Sizilien gefunden. Aus Gründen, die auszuführen den Rahmen dieser Rubrik sprengen würde, wurde er von den Kapazitäten bis heute totgeschwiegen. Ein Auszug.

CLAVIGO

SOKRATES: Sag mir, Clavigo, welches hältst du für besser: Küssen oder Knutschen?
CLAVIGO: Nun, mir scheint, es ist ganz und gar dasselbe.
SOKRATES: Dann lass uns eben dies untersuchen und festlegen, ob uns der Schein trügt oder ob er - gleich einem Spiegel - das Wahre auch wahr zu zeigen vermag.
CLAVIGO: Das würde ich gern tun, oh Sokrates. Doch ass ich eben noch ein Brot, belegt mit einer Zwiebel.
SOKRATES: Dies, Clavigo, soll unserer Untersuchung nicht im Wege stehen, da wir uns vorerst nur mit der Idee des Knutschens und selbiger des Küssens befassen werden, und wie diese beschaffen sind.
CLAVIGO: So soll es sein.
SOKRATES: Dann sage mir: Habe ich dich nicht gestern auf dem Markt gesehen, mit Makkos, dem Sohn des Herakles?
CLAVIGO: Ich leugne es nicht, Sokrates.
SOKRATES: Und habt ihr euch nicht inniglich umarmt und eure Lippen in jener nämlichen Art aufeinandergerieben und gedrückt, so dass man sagen kann, ihr hättet euch geküsst?
CLAVIGO: Ganz genau so.
SOKRATES: Aber könnte man nicht auch sagen, ihr hättet geknutscht?
CLAVIGO: Mit Fug und Recht, Sokrates.
SOKRATES: So scheinst du also recht zu behalten, dass beide Worte die selbige Idee wiedergeben.
CLAVIGO: Wie ich es sagte.
SOKRATES: Nun küsst du sicher, Clavigo, nicht nur den Sohn des Herakles?
CLAVIGO: Deine Frage wartet nicht auf eine Antwort.
SOKRATES: So küsst du also nicht nur Einen, sondern Viele?
CLAVIGO: Wie es den Göttern gefällt.
SOKRATES: Nun küsst du aber sicherlich auch deine Mutter, wie es sich geziemt?
CLAVIGO: Natürlich, Sokrates, denn ich halte sie in Ehren.
SOKRATES: Wenn wir also sagen, dass Küssen und und Knutschen das eben Gleiche ist, so folgt nicht also daraus, du hältst deine Mutter in Ehren, wenn du mit ihr knutscht?

Stille.

CLAVIGO: Aus dem Gesagten ergibt sich eben dieses. Doch kann es nicht die Wahrheit sein.
SOKRATES: So gibst du also zu, dass du den Sohn des Herakles wohl knutschen als auch küssen kannst, nicht jedoch das erstere mit deiner Mutter?
CLAVIGO: Ich gebe es zu.
SOKRATES: Wenn also alle Menschen sich wohl küssen, der Vater seine Tochter, der Bruder die Schwester, der Händler sein Geld, aber nur wenige sich knutschen - nämlich nur selbige, die sich auf des Eros' Flügel betten - ist dann also knutschen nicht seltener als küssen?
CLAVIGO: Viel seltener.SOKRATES: Und so es seltener ist, ist es dann nicht auch wertvoller?
CLAVIGO: Es ist wertvoller.
SOKRATES: Und ist nicht, was wertvoller ist, auch besser?
CLAVIGO: Ganz genau so.
SOKRATES: Da wir also bewiesen haben, dass Knutschen besser ist als Küssen, so wollen wir nun das eine tun und das andere lassen.

Qed.: Knutschen ist besser als küssen.

Und ihr werdet es nicht glauben: Von genau diesem entzückenden Wort bin ich offizieller, lebenslanger Pate. Mit Urkunde. Was glaubt ihr, wie stolz ich bin.

06 Februar 2007

Von Wölfen

Runde, immer geputzte Scheiben. Ihr sitzt mitten drin, auf einem der belebtesten Plätze der Stadt, und könnt euch beim Kaffeetrinken die Menschen ansehen, die draussen ihr Leben durch die Kälte tragen.

Mein eigenes Leben habe ich auf den Stuhl unter meinem Hintern gesetzt und denke darüber nach. Ich war unglücklich, in letzter Zeit, und habe versucht, mich wegzuwerfen wie ein benutztes Taschentuch. Mit wachsender Faszination habe ich dabei zugesehen, wie ich mich in den Dreck drücke; ihr wisst ja: Das entwickelt so einen Sog. Hat man einmal damit angefangen, will man gar nicht mehr aufhören.

Dann hab ich lange geduscht.

Jetzt sitze ich hier und rappel mich auf. Und ich sehe eine Frau. Nein, nicht hübsch. Sie hat sich eingepackt wie eine Pellwurst, steigt aus einer Strassenbahn und sucht zügig das Weite. Zu zügig, denn sie stolpert über ihre eigenen Beine, fällt hin und purzelt über den Teer; quer durch die auseinanderstiebenden Passanten. Kaum geschehen, steht sie sofort wieder auf und geht weiter, ohne eine Miene zu verziehen. Als wäre nichts geschehen.

Das sehe ich immer wieder mal, und ihr auch. Jemand fällt, weil es glatt ist oder er gerade nicht aufpasst oder weil er von einem Fahrrad angebumst wird. Und immer stehen die Beteiligten sofort - reflexartig - wieder auf. Manchmal lächeln sie. So oder so vermitteln sie den Eindruck, eben: Als wäre nichts geschehen.

In Tierrudeln, beispielsweise bei Wölfen, kann man Folgendes beobachten: Langer Marsch, klirrende Kälte, alle Tiere sind müde und schleppen sich mühsam durch die Schneewehen. Plötzlich tritt ein Wolf auf einen Dorn und fängt an, zu hinken. Wölfe sind sehr soziale Tiere, sie unterstützen ihren verletzten Kollegen also mit aufmunterndem Heulen, Lecken etcetera. So geht das eine Weile, tage- oder auch wochenlang, bis der verletzte Wolf stehenbleibt und nicht mehr weiter kann.

Alle Wölfe sehen ihn an. Er sieht zurück. Sein Atem ist eine lange, weisse Fahne, geschwenkt in Minustemperatur. Dann knickt er ein.

Sofort fallen seine Kameraden über ihn her und fressen ihn auf.

Deshalb, glaube ich, ist die eingepackte Frau auf dem Platz sofort wieder aufgestanden.

16 Januar 2007

Flaches Wasser

Heute im Café um die Ecke:

FRAU NEBEN MIR: Ein flaches Wasser.
KELLNER: Was?
FRAU NEBEN MIR: Ein flaches Wasser.

Der Kellner und ich sehen uns an.

KELLNER: (zur Frau neben mir) Mit oder ohne Kohlensäure?
FRAU NEBEN MIR: Ein flaches Wasser!

Fand ich irgendwie amüsant genug, um folgenden schlechten Dialog zu rechtfertigen:

FADE IN:

INT. - KÜHLREGAL - TAG

STEHENDES WASSER, FLACHES WASSER, HARTES WASSER und STILLES WASSER unterhalten sich.

FLACHES WASSER: …da hab ich zu ihr gesagt, naja, so oder so: Es ist, wie es ist. - Oder etwa nicht, stilles Wasser?

Stilles Wasser schweigt.

HARTES WASSER: Warum hast du sie nicht einfach an den Stuhl gefesselt und durchgevögelt?
FLACHES WASSER: Durchgevögelt, hi, hi, der ist gut, das ist gut, das ist umgangssprachlich!
STEHENDES WASSER: Ich hätte sie durchgevögelt.
HARTES WASSER: Yeah, nomen est omen, stehendes Wasser.
STEHENDES WASSER: Aber wozu der Stuhl?
FLACHES WASSER: Hihi, stehendes Wasser fragt: Wozu der Stuhl? Versteht ihr? Stehendes Wasser - Stuhl? Hihi!
STEHENDES WASSER: Was ist daran komisch?
HARTES WASSER: Nichts, stehendes Wasser. Setz dich.

Alle LACHEN. Die COCA-COLA kommt.

COCA-COLA: Heil, Hitler!

Stille.

FLACHES WASSER: Ups, ein Engel geht durch den Raum! Hihi!

Stille.

STEHENDES WASSER: Was ist denn mit der Limo los?
HARTES WASSER: Ignoriert ihn. War schon immer ein Brauner.
STEHENDES WASSER: Und wie gings dann weiter mit der Kleinen, flaches Wasser?
FLACHES WASSER: Naja. Wir haben lange geredet. Also, ich.
HARTES WASSER: Kann ich mir vorstellen.
FLACHES WASSER: Aber, hihi: Offensichtlich war ich nicht ihr Typ.
HARTES WASSER: Wer hätte das gedacht?
FLACHES WASSER: Dann kam stilles Wasser und hat sie durchgevögelt, bis sie verdunstet ist.

Alle sehen stilles Wasser an.

HARTES WASSER: Und ich frag mich noch die ganze Zeit, seit wann sie PERRIER ohne Kohlensäure herstellen.

FADE OUT.

03 Januar 2007

Der Soldat

Macht das Licht aus. Schliesst die Augen. Denn im Dunkeln beginnen die Gedanken sanft zu schimmern und gehen ihren eigenen Gang.

Seht ihr den Soldaten? Es ist Nacht, und er schleicht durch den Wald. Er hat den Anschluss an seinen Haufen verloren, und jetzt brennt sich das Weisse seiner Augen ängstlich durch die Dunkelheit, denn die Welt um ihn ist ein einziger gefährlicher Schatten: Raschelnd, flüsternd, wartend. Oft verharrt er minutenlang bewegungslos und lauscht, bevor er weitergeht.

So schiebt sich der Soldat durch das raunende Nichts und verschmilzt mit der Nacht. Manchmal, wenn er mit äusserster Vorsicht einen Zweig beiseite drückt, erreicht ihn ein Geruch von Blatt und altem Holz. Oder ein flüchtiger Gedanke streift ihn und verschwindet geräuschlos in der Dunkelheit. Wie lange er schon so geht, weiss er nicht. Und als er es plötzlich sieht, direkt vor ihm, durch die Zweige schimmernd wie ein entfernter Stern, wischt er sich ungläubig die Augen. Denn Hoffnung ist ein Gift, das er sich jetzt nicht leisten kann. Aber das Licht ist da, und mit ihm die Gewissheit, dass er es geschafft hat.

Die Schwere der Nacht fällt vom Soldaten ab, und sein nächster Schritt ist entschlossen und schnell.

Unter seinem Fuss macht etwas: KLICK.

Dann ist es wieder still und nur der Wald, der sich im Nachtwind räkelt, und nur das trockene Laub, das knistert. Irgendwo nagt ein Waldtier an einer Rinde, und die Wolken kreuzen still das Mondlicht, als wäre nichts geschehen.

Aber den Soldaten verwandelt das leise Geräusch in ein Meer aus Bewegungslosigkeit. Alles in ihm bleibt stehen und wird still, so still wie die Bombe, die unter seinem Fuss schläft, und die er nicht wecken darf. Er rührt sich nicht. Er atmet nicht. Er blinzelt nicht. Wozu auch? Nichts bleibt ihm mehr zu tun. Nichts, als zu stehen, und stehen zu bleiben.

So streicht die Zeit durch den Wald und über das Gesicht des Soldaten. Aber in ihm ist auch sie stehen geblieben, wie er selbst, und hat ihr Ende erreicht. Das kleine Geräusch hat eine Lücke aufgetan, eine kleine Lücke zwischen Leben und Tod, und ihn hineingesetzt wie einen Zinnsoldaten. Hier steht er, und hier wird er immer stehen. Wie die Bäume und die Schatten um ihn herum.

Und so wird der Soldat ein Teil des Waldes, des Flüsterns und des Raschelns. Er blickt in das Licht, das durch die Zweige funkelt. Für ihn genauso fern wie jeder andere Stern am Himmel auch.

Der Soldat schliesst die Augen. Im Dunkeln beginnen seine Gedanken sanft zu schimmern und gehen ihren eigenen Gang.

31 Dezember 2006

Slip

Alles Angebrachte zu Neuen Jahr.

Ich werde mehr posten, ein besserer Mensch werden und meine Kakerlake nicht mehr schlagen. Oder nur, wenn sie's wirklich verdient hat.

Cheers!
Mel

26 Dezember 2006

Wider den Schöngeist

Was nun diese Premiere betrifft.

Stellt euch vor, ein Schriftsteller. Er ist tot, aber gerade schon lange genug, um sein Ableben mit Jubiläen zu begehen. Und weil die meisten der Texte, um die es hier geht, zum ersten Mal auf der Bühne zu sehen sind, wedeln alle schon ganz aufgeregt mit dem Schwanz, inklusive Feuilleton und Öffentlichkeit.

Und dann ist da dieser Regisseur. Stellt euch was Freundliches, Intelligentes, Sechzigjähriges vor. Die weissen, langen Haare gepflegt in den Nacken gelegt. Zwei Seidentücher: Eines um den Nacken, das zweite wie zufällig über die Schultern geworfen.

Kultiviert. Lässig. Grosszügig. So müsst ihr euch das vorstellen. Nur leider ist er ein Schöngeist. Das ist bedauerlich. Bedauerlich und brandgefährlich.

Denn ein Schöngeist tut zwar niemandem weh, aber er macht sich die Hände auch sonst nicht schmutzig: Er meidet die klare Haltung, den Konflikt und den Gestank der Gosse; also all das, was ein Drama zu einem guten Drama macht. Ein Schöngeist veredelt seine Zeit damit, sich zu verneigen: Vor der Schönheit, vor den "wunderbaren" Schauspielern, vor dem "wunderbaren" Text des "wunderbaren" toten Schriftstellers.

Wir, im Schützengraben, nennen diese Arbeitshaltung normalerweise: Schwurbel. Oder, etwas präziser: Selbstmord. Im Gegenzug nennt er uns "ihr Lieben", "ihr Guten" oder ganz einfach "Kinder".

Und wenn ich Euch jetzt noch sage, dass der Mann eigentlich Filmregisseur ist und wenig Theatererfahrung hat, dann mag euch langsam dämmern, wie tief die Projektile in den letzten Wochen um unsere wunderbaren Ohren flogen.

Insgesamt ein äusserst merkwürdiges Erlebnis. Die Kritiken sind übrigens überwiegend positiv. Von "schönen Bildern" ist die Rede, von "Trouvaillen" und vom "behutsamen Umgang mit dem Text".

Schwurbel ist offensichtlich ansteckend.

21 Dezember 2006

Schleichwerbung: Scrivener

Zunächst mal was ganz anderes.

Was das Entwickeln von Stories betrifft, bieten dem entnervten Schreiber dutzende von Software-Lösungen ihre zittrige digitale Hand, um ein Minimum an Organisation und Übersicht in diesen blutigen Amoklauf zu bringen.

Nichts davon hat mich überzeugt. Bis jetzt.

Obwohl noch in der Beta-Phase, ist Scrivener so sorgfältig durchdacht und ausgeführt, dass man spontan auf die Knie geht und den Boden küsst.

Die Beta-Version B5 könnt ihr hier runterladen. Arbeitet euch durch das Tutorial, das geht schnell und macht Spass.

Könnte eine Freundschaft für's Leben werden.

PS: OS X only.

17 Dezember 2006

Huhu

Gestern Premiere.

Ich denke, ja, ich komm mal wieder zurück. Jetzt gleich Vorstellung, deshalb: Alles andere später.

Kuss!
Mel

17 November 2006

Melancholie: Setzen, Sechs!

Nichts gegen Melancholiker. Im Gegenteil.

Aber ihre Blogs?

Die Gedichte über treibende Gedanken und faule Äste, die Fotos von leeren Strassen und gepiercten Lippen, die assoziativ verknotete Prosa voll feuchter Landschaften, verwaisten Spielplätzen, dräuender Selbstverstümmelung und nekrophiler Wortsymbolik? Fluss, Schlaf, Erde, Blut?

Vielleicht ist Melancholie nicht die ideale Schreibunterlage. Zu schwer zieht die Scholle an der blutleeren Hand.

Denn, jetzt mal ehrlich: Wozu schreiben, wenn man auch sterben könnte?

So hat sich der Melville das gedacht, bis er heute Abend unvermittelt selbst von akuter Melancholie ergriffen wird. Hey, einfach so. Ihm geht's gut. Und, vor allem: Fräulein N. auch.

Trotzdem ist er traurig. Schwer wie ein Bordeaux, den Robespierre selbst noch eigenhändig im lehmigen Keller versteckt hat, bevor man ihm den Kopf vom blutenden… - Aber, ich schweife ab.

Also, denkt sich der Melville, ein Selbstversuch könnte nicht schaden. Mal den ganzen professionellen Heulsusen zeigen, wie man auf Schwermut so richtig die Tasten zum Singen bringt.

Was dabei herauskommt, ist:

Ich kann nicht zaubern. Ich kann nur gehen, bis meine Knie brechen. - Ich kann nicht gut sein. Aber ich kann meine Arme ausbreiten, bis sie zu Staub zerfallen.

Das unterbietet wirklich alles. Eine Katastrophe. Jetzt weiss ich, warum die Melancholiker andauernd an Selbstmord denken.

Ich dachte einfach, ich legs mal auf den Tisch. Was für einen Quatsch der Melville manchmal fabriziert. Unredigiert. Um mich zu bestrafen.

Ich geh mich mal in die Ecke stellen. Vielleicht auch sterben. Jedenfalls, wenn der gütige dunkle Fluss aus Blut ein Einsehen hat und mir den erlösenden Schlaf schenkt, den ich nach so einem Text mit Sicherheit verdiene.

Schalom!

Bye, bye, Ferenc Puskás

Er war ein grosser Fussballer, jetzt hat er die letzte rote Karte gesehen und das Spielfeld für immer verlassen. Ihm zu Ehren hier ein Text, der ursprünglich im Rahmen der WM bei Fooligan erschien.

Cheers, Mister Puskás!


Der Galoppierende Major
"Kleines Geld, kleiner Fußball, großes Geld, großer Fußball."   Ferenc Puskás

Das ist, ich sag’s euch gleich, kein gewöhnlicher Fussballspieler. Untertrainiert und übergewichtig. Das ist er. Und jetzt, 1961, nachdem er den Zenit seiner Karriere bereits überschritten hat, ist das mit dem übergewichtig eigentlich noch untertrieben.

Jedenfalls, was sollen wir noch lange um den heissen Brei herumreden, wie eine Presswurst, so sieht er aus im Real Madrid-Leibchen, schön ist das nicht, sowas zu sagen, aber wahr ist es trotzdem. Und was tut er gerade? Er tritt einen Freistoss im eigenen Stadion gegen Atletico, das sind die, die Anfang der Sechziger gerade ganz oben auf schwimmen, in Spanien.

Er also mit dem linken Fuss, wie immer, und der Ball segelt über die Mauer, und dort die Atletico-Spieler natürlich hochgesprungen, aber nix war, denn der Ferenc, der kann diese Bananen so sauber ballern wie auf dem Reissbrett gezogen. Und in die lange Ecke, und der Torhüter springt und streckt sich wie wenn er aus Gummi wär, aber er kommt nicht mal mit den Fingern dran, nicht mal mit den Fingerspitzen, und drin ist der Ball und im Netz und da kann keiner mehr was machen.

Und die Menge tobt. Und der Ferenc, so kurz seine Arme auch sind, er reisst sie hoch. Und alle anderen ihre Arme auch.

Aber der Schiedsrichter schüttelt den Kopf.

Fast peinlich ist es ihm, fast rot wird der Mann im schwarzen Trikot, und er geht zum Ferenc und entschuldigt sich und sagt, tut mir leid, aber ich habe noch nicht gepfiffen, und pfeifen muss ich schliesslich, denn wo kämen wir sonst hin?

Und das versteht der Ferenc. Denn jetzt mal Frage: Habt ihr das gewusst? Dass wir hier vom gleichen Ferenc sprechen, der Kapitän von der ungarischen Mannschaft gewesen war, der goldenen Manschaft, die vier Jahre lang – und das sagt sich so leicht, aber denkt doch mal: vier Jahre - einfach niemand schlagen konnte, und die erst die Deutschen in Bern mit einem Wunder zur Strecke geackert haben?

Und weil er so dick war und trotzdem so schnell, haben sie ihn den galoppierenden Major genannt.

Genau dieser Ferenc ist das nämlich, und kein anderer. Sieht aus wie Presswurst, ist aber Fussballgott. Und spielt immer mit linkem Fuss. Jetzt, passt auf, wollt ihr die Legende hören, warum immer mit linkem? Weil eigentlich der rechte Fuss der starke ist. Aber zu stark. Mit dem hat er mal so hart geschossen, dass dann der Torhüter mit gebrochenen Rippen direkt ab auf den OP-Tisch. Dann haben die da oben vom Fifa-Zimmer ihm den rechten Fuss verboten. So die Legende. Stimmt sie? Wer weiss. Aber in jeder Legende ist ein kleiner Grashalm Wahrheit.

Also, dieser Ferenc, der steht jetzt auf dem Rasen, und muss den Freistoss nochmal schiessen, und diesmal wartet er, bis der Schiedsrichter pfeift, denn nur weil er dick ist, ist er noch lange nicht doof.

Er also mit dem linken Fuss, wie vorher, und der Ball segelt über die Mauer, wie vorher, und dort die Atletico-Spieler natürlich hochgesprungen, wie vorher, aber nix war, denn der Ferenc, der kann diese Bananen so sauber ballern wie auf dem Reissbrett gezogen. Und in die lange Ecke, wie vorher, und der Torhüter springt und streckt sich wie wenn er aus Gummi wär, wie vorher, aber er kommt nicht mal mit den Fingern dran, nicht mal mit den Fingerspitzen, und drin ist der Ball und im Netz und da kann keiner mehr was machen, wie vorher.

Und da hat der Ferenc das Tor genau noch mal ganz gleich geschossen. Nur diesmal mit Pfiff. Und wenn die Menge vorher getobt hat, dann ist es jetzt ein Glück, dass kein Dezibel-Messer im Stadion, weil der würde nämlich zerspringen in lauter kleine Messerchen, so laut haben jetzt alle gebrüllt. Und das - nur damit ihr jetzt nichts Falsches denkt - das ist keine Legende, weil direkt in die Annalen von Real Madrid eingegangen, natürlich zu recht.

Und das alles gegen Atletico, das sind die, die Anfang der Sechziger gerade ganz oben auf schwimmen, in Spanien. Bis sie den Ferenc nach Madrid geholt haben.

Dann war’s erst mal aus mit Atletico.

10 November 2006

Gott ist ein DJ

Gott ist ein DJ, davon haben wir's hier ja schon mal gehabt.

Dieses Dings ist allerdings auch nicht übel:



Budget: 500 Dollar.

08 November 2006

FRANK & FEE - Die Soap! (V)

"Ich liebe dich!"   Redewendung

Und hier ist sie wieder, die Soap über das gesunde Zusammenspiel von Sex und Gewalt.

EPISODE FÜNF
SPRING!

FADE IN:

EXT. BAHNÜBERFÜHRUNG - ABEND
FRANK und FEE stehen im Abendlicht auf einer Bahn-Überführung, halten sich an der Hand und blicken hinunter auf die Gleise.

FRANK: Gleich kommt der Güterzug.
FEE: Jep.
FRANK: Und du bist dir wirklich sicher?
FEE: Ja! Wenn er langsamer wird, springen wir auf den Zug!
FRANK: Und dann fahren wir, wohin auch immer er uns bringt.
FEE: Wohin auch immer! Das ist nicht wichtig. Wir haben ja uns!
FRANK: Ich liebe dich!
FEE: Da kommt der Zug!

In der Ferne erscheint tatsächlich, PFEIFEND und PUFFEND, der Zug. Frank und Fee setzen sich auf das Geländer. Der Zug fährt unter ihnen durch und wird langsamer.

FRANK: Jetzt!
FEE: Ja!

Frank springt. Er landet auf dem Dach eines Güterwaggons und rollt ab. Er LACHT und sieht sich um. Fee ist nicht gesprungen. Sie sitzt immer noch auf auf dem Geländer der Überführung.

FRANK: Fee! Was tust du? Spring!

Fee winkt und wirft ihm eine Kusshand zu.

FEE: Geh schon mal vor. Ich komm dann nach.
FRANK: Was?!
FEE: (ruft) Ich muss noch Freunde treffen. E-Mails schreiben und all das.
FRANK: (ruft) Was?!
FEE: (ruft) Ich vermiss dich jetzt schon. Ich liebe dich!

Sie verschwindet in der Ferne. Frank steht perplex auf dem Dach des Waggons.

FRANK: Was?

Der Zug wird immer schneller.

FADE TO BLACK.


Anregungen für zukünftige Episoden werden gerne entgegengenommen.
© 2006

06 November 2006

B-Shit & Pop Corn

Mhm. Viel los in Melvilles Leben dieser Tage. Das sieht man daran, dass sein Blog langweilig wird und verkümmert wie ein Blutegel auf einem Käsekuchen.

Umgekehrt ist es vermutlich auch richtig, dass, wenn das Blog rockt, Melvilles Leben gerade verkümmert und so langweilig ist wie, jetzt wollen wir mal mit Vergleichen nicht geizen, Thomas Gottschalk auf einem Käsekuchen. Die Eckpfeiler meines Lebens sind somit gesteckt.

Habe die schauspielerische Pflichtrunde mit der angemessenen Konzentration absolviert. Die Kür folgt jetzt, im nächsten Stück. Das macht richtig Freude, weil: kann alle Register ziehen. Gleichzeitig habe ich heimlich (Produzenten und Regisseure sind sowas von eifersüchtig) einen Kurzfilm und 70 Seiten eines Kinofilms geschrieben.

Ich kann meine Rechnungen zahlen und mit gutem Gewissen meinen enormen Kaffee- und Nikotinkonsum kultivieren.

Fantasie habe ich im Moment keine, weil sich immer noch vollständig drehend um Fräulein N.. Die übrigens genauso beziehungsgestört ist wie ich. Was sich einerseits gut trifft, andererseits meine Geduld auf eine harte Probe stellt: Sie legt Grillen an den Tag, die bisher eigentlich immer für mich reserviert waren. Ich werde sie auf mein Copyright verweisen und nötigenfalls verklagen.

Sie zergeht mir auf der Zunge. Ich war doch immer der Lonely Wulf von nebenan. Plötzlich fühle ich mich einsam, wenn sie nicht da ist. Als hätte mir jemand mein Herz aus der Brust gerissen und davongetragen.

Wenn ich sie dagegen sehe, scheint mir, als wäre der Endzweck meines Daseins erreicht. Als wäre mein Leben über Nacht von einem getrockneten Mais-Samen zu einem federleichten Popcorn geflufft. - Ist das nicht schön? Und auch doof? Aber eben schön doof?

Ich bin glücklich. Ich leide. Ich bin glücklich.

31 Oktober 2006

Goldene Weisheit

Morgen Premiere.

Vor nervösem Gejuffel bewahrt mich die goldene Weisheit des folgenden Witzes:

Vater Stier und Sohn Stier stehen auf einem Hügel. Tief unter ihnen tummelt sich eine riesige Kuhherde. Und weil die Stiere aus Texas kommen, reden sie Englisch.

SOHN STIER: Dad, Dad, you know what we gonna do?
VATER STIER: Yeah?
SOHN STIER: Yeah, ok, yeah! We gonna run down the hill and each of us fucks a cow!
VATER STIER: (verdreht die Augen) No, Son, no. That's not what we gonna do.
SOHN STIER: No?
VATER STIER: No.

Vater Stier kaut gemächlich einige Büschel Gras wieder.

VATER STIER: We'll walk down. And fuck'em all.

23 Oktober 2006

Über die Schönheit

Die Schönheit würde die Welt retten. F. M. Dostojewkji

Verliebte Menschen können sowas von nerven. Genauso wie frischgebackene Eltern: Sabberkloss hier, Sabberkloss da. Das ist gesundheitsschädigend und langweilig. Frischgebackene Eltern sind die Pest.

Verliebte auch. Ich zum Beispiel. Prompt werden meine Texte irgendwie schwurbelig.

Ich werde mich also nun zurückhalten und nicht mehr dauernd nur von Fräulein N. reden. Zum Beispiel, wie gut sie riecht. Oder, wie sie so ernst guckt und gleich darauf lacht und dann dieses eine Grübchen auf ihrer Backe auftaucht, nur auf einer Seite. Ich werde nicht davon sprechen, wie wir zusammen über das dünne Eis gehen und uns dabei mit grossen Augen ansehen, weil es irgendwie längst egal geworden ist, ob es bricht.

Ich werde von etwas ganz Anderem sprechen.

Ich werde von Schönheit sprechen. Da ist jetzt dummerweise Fräulein N. gerade ein gutes Beispiel. Fräulein N. ist nicht schön, weil sie diese hübsche Nase hat oder die leckeren Ohren oder diese aufmüpfige Haarsträhne, die dauernd vor ihrem Gesicht rumwedelt.

Nein, Fräulein N. ist schön, weil sie aussieht wie Fräulein N. und nicht wie Kate Moss. Nichts gegen Kate, altes Haus. Vielleicht ist Fräulein Moss ja schön. Aber nur, weil sie aussieht wie Kate Moss. Und nicht wie, sagen wir, bah, Fräulein Aguillera.

Mit anderen Worten: Fräulein N. versucht nicht anders auszusehen, als dass sie aussieht. Ich finde das unwiderstehlich. Sie könnte sich ja schminken. Oder ihre Fingernägel anmalen. Tut sie aber nicht. Und ich bin so dankbar dafür, dass ich auf die Knie gehe und Gott dafür ein nettes Blinzeln durch die Wolken schicke.

Auch wenn ich in die Hölle komme. Bei mir hat der alte Mann einen Stein im Brett.

Denn, wisst ihr, hört mal her, Frauen: Ich habe noch nie in meinem Leben. Nie! Habe ich eine Frau kennengelernt, die geschminkt hübscher gewesen wäre als einfach so, ohne was.

Weil Frauen dann am hübschesten sind, wenn sie aussehen, wie sie aussehen.

So, jetzt ist es raus.

22 Oktober 2006

Die Hölle

Du wirst in die Hölle kommen.

Wieso hört man diesen Satz ausgerechnet dann, wenn man sich verliebt?

Wenn man liebt, ist man verloren. So ist das. Weil man sein Herz verschenkt. Man kann nicht wissen, was damit geschieht. Vielleicht landet es im Dreck. Vielleicht bricht es. So ist das.

Wer ein Schiff hat, der fahre heute noch hinaus. Wer Flügel hat, der springe. Wer einen Stern hat, der folge ihm, bis seine Beine brechen.

Ich glaube nicht an die Hölle.

15 Oktober 2006

Schneeflocke

Wir haben uns geküsst, auf Gleis 18, bevor sie fuhr.

Nichts daran war erfahren oder entschlossen oder routiniert. Es war wie eine Schneeflocke, die man mit den Lippen fängt, im Winter. Vorsichtig, damit sie nicht gleich schmilzt. Ich glaube, wir haben uns kaum berührt.

Als ich zurücklief, dem abfahrenden Zug entlang, explodierte der Bahnhof zu einer Welle aus Licht. Es wurde so hell, dass meine Netzhaut verdampfte und die Zugfenster Funken sprühten.

Dann teilte sich die Welt und streute glitzerndes Konfetti.

Bleicht die Taschentücher. Stellt die Kerzen ans Fenster. Vergebt Euren Feinden.

Denn Melville ist verliebt.

05 Oktober 2006

Von Astronauten

Seltsam: Gerade tut sich so viel, in meinem Melville-Universum, und trotzdem habe ich das Gefühl, ich hätte nichts zu erzählen.

Mal testen?

1. Angst: Manchmal habe ich die Hose sowas von gestrichen voll. Ich habe dann Angst davor, die Menschen mit dem, was ich bin, nicht mehr zu erreichen. Dass das, was mich bewegt und erfreut, die Menschen plötzlich nur noch befremdet. Dann wäre ich ein Astronaut, der den Funkkontakt zur Erde verloren hat. Ich wäre immer noch - davon bin ich überzeugt - ein guter Astronaut. Aber was ist ein guter Astronaut ohne Welt?

2. Sex: Seit eingen Wochen stelle ich ein interessantes Phänomen an mir fest. Wenn ich die Wahl habe zwischen wildem Sex und einsamem Schreiben, entscheide ich mich für Letzteres. Meine Affaire mit Bazooka-Girl habe ich bewusst einschlafen lassen. Fräulein N. ist ein anderer Fall. Das ist die Entdeckung der Langsamkeit beim Flirten. Eiskunstlauf in Zeitlupe. Inzwischen hat sie mir ihr Geheimnis erzählt. Jede Frau hat so eins. Ich kenne ihres. Meines kennt sie nicht. Meines kennt niemand. Nicht mal ich selbst.

3. Jetzt: Gerade fällt die Sonne durch's Fenster, an meinem Labtop vorbei, und wärmt meinen linken Arm. Links qualmt die Zigarette, rechts steht die Kaffeetasse und schafft es irgendwie, vorwurfsvoll leer zu gucken. Draussen, vor dem Bullauge, schwebt Welt vorbei. Jetzt ist gut.

4. Glück: Glück ist, den eigenen Weg zu gehen. Ende der Diskussion. Alles andere ist Mumpitz. Vergesst es nicht.

Ich mein's ernst. Vergesst es nicht. Und was ist ein guter Astronaut ohne Angst?

24 September 2006

Von orangen Katzen

Da ist zum Beispiel das junge Fräulein N., mit der ich gerade häufig zu tun habe, und die so schrecklich viel über sich nachdenkt. Über sich und den Rest der Welt.

Alles ist schwierig. Jeder Schritt führt auf dünnes Eis. Jeder Ast kann brechen. - So ist das Herz von Fräulein N. stets in Aufruhr, ihre Stirn stets in Falten, ihre Neugier stets durchzogen.

Und sie erinnert mich an eine Katze, die ich in Griechenland kennengelernt habe. Die Katze, müsst ihr wissen, war orange und wild. Einmal am Tag zeigte sie sich auf der Terasse und wurde von mir gefüttert. Danach schnurrte sie und wollte gestreichelt werden. Wenn ich aber die Hand nach ihr austreckte, sprang sie panisch auf eine Mauer und sah mich entsetzt an.

"Die orange Katze ist doof", dachte ich zuerst. Und es verletzte mich, dass sie mir nicht vertraute.

Denn, Kollegen, ich kenne andere Katzen, und ihr auch. Solche, die's voll drauf haben. Auch dort, auf der Terasse, gab's die. Katzen, mit denen der reibungslose Umgang voll gewährleistet ist.

Aber jetzt, wisst ihr was: Von allen Katzen war mir am Ende die orange am nächsten. Weil, ja: Warum eigentlich? Alles war schwierig. Jeder Schritt führte auf dünnes Eis.

Womit wir jetzt wieder bei Fräulein N. wären.

21 September 2006

Potemkins süssestes Versprechen

Als ich ein kleiner Junge war, stand ich oft in meinem orangen Pyjama am Fenster, und mein Herz platzte vor Sehnsucht und Abenteuerlust. Ich sah über das Dorf hinweg zum Wald und fragte mich, was wohl dahinter sein könnte.

In Frage kam Folgendes:

1. der Wilde Westen
2. Ein Königreich mit Rittern, Drachen und Blumenwiesen.
3. Ein verschlungenes, tiefes Höhlensystem, das von gefährlichen, aber auch interessanten Wesen bewohnt wurde.
4. der Weltraum (inklusive Ufos, Astraunauten und Sternenkrieg)
5. die Bevölkerungsexplosion, von der ich damals schon gehört hatte und die ich mir als eine riesige Welle aus Menschen vorstellte, die auf mich zurollt.

Aber auf die Idee, dass hinter dem Wald das Nachbardorf liegen könnte, kam ich nicht.

Und soll ich euch mal was sagen, Matrosen? Ich hab mich nicht geändert.